Zur Geschichte des Kirchturms

Dass in jedem Dorf eine Kirche steht, ist uns fast selbstverständlich geworden. So selbstverständlich, dass in der Regel, wenn man Kindern die Vorgabe gibt, ein Dorf zu malen, meist ein paar Häuser mit einer Kirche in der Mitte herauskommt – eine mit Turm, versteht sich. Dazu passt, dass inzwischen unzählige Menschen im Ländle die Komödie „Die Kirche bleibt im Dorf“ gesehen haben, die seit Monaten im Kino läuft und sogar mit einer Serie im SWR-Fernsehen eine Fortsetzung findet. Und wenn man Kinder nach den Charakteristika einer Kirche fragt, wird oft als erstes der Turm genannt, noch vor Uhr und Glocken.

Da tut es keinen Abbruch, dass es moderne Kirchen gibt, die ohne Turm gebaut wurden und auch nicht, dass die frühen Kirchenbauten der Christenheit keineswegs von Anfang an Türme hatten. Die westliche Grundform war die dreischiffige Basilika ohne Turm Das heißt aber auch, dass der Kirchturm keine theologisch fundamentale Bedeutung hat, in dem Sinne, dass zu einem Kirchengebäude unabdingbar ein Kirchturm gehören müss­te. Denn erst im 8. und 9. Jahr­hundert entstanden in Italien die ersten frei, neben der Kirche stehenden Glockentürme, soge­nannte Campanile.

In der Romanik und vor allem während der Gotik entwickelte sich dann der Kirchenbau mit imposanten, mit der Kirche ver­bundenen Türmen. Kirchtürme wurden ein die Stadtsilhouette prägendes Element von Kirchen­bauten der Westkirche.

Auf die Frage nach dem Grund dieser Entwicklun­gen gibt es verschiedene mögliche Erklärungen.

Da ist zunächst ein ganz praktischer Grund. Der Kirchturm trägt eine oder mehrere Glocken und durch seine Höhe sind die Glocken in weitem Umkreis zu hören. In früheren Jahrhunderten, wo die meisten Menschen keine Uhren hatten, war die­se Funktion besonders wichtig, weil sie die Gläubi­gen – wie glücklicherweise auch noch heute – zum Gebet und zum Gottesdienst einluden. Gleichzeitig hatten Kirchtürme mit Turmstuben die Aufgabe, die Bevölkerung vor Gefahren zu warnen. Der Türmer, der von seinem Arbeitsplatz den Ort überblickte, läutete die Glocken zum Beispiel bei Ausbruch eines Feuers. Mit der Entwicklung mechanischer Uhren wurden schließlich Kirchtürme oft auch zu Uhrtür­men, die schon von Ferne die Uhrzeit anzeigten in einer Zeit, in der nur wenige über eigene Uhren ver­fügten.

Zum anderen hatten Kirchtürme natürlich auch die Funktion, Reichtum und Macht zu demonstrieren. Nicht jede gotische Kathedrale ist nur zur Ehre Gottes erbaut worden. Der Bau des höchsten Kirch­turmes der Welt, des Ulmer Münsters (162 m) zum Beispiel, sollte wohl auch die Bedeutung der wohl­habenden (Reichs-) Stadt Ulm unterstreichen, ist er doch einige Meter höher als der Kölner Dom. Ganz frei von solchen „repräsentativen“ Gedanken waren wohl auch die Lustnauer nicht, als sie 1862 den alten Glockenstuhl samt Turmhelm abrissen und durch einem höheren, steiner­nen Turm ersetzten, der von der Eisenbahnlinie im Neckartal aus besser gesehen werden konnte. Heute haben Kirchtürme vor allem eine symbolische Funk­tion. Sie lenken den Blick des Betrachters nach oben, sind wie ein Zeigefinger, der über das Hier und Jetzt hinaus an Gott erin­nert. Kirchtürme zeigen optisch und akustisch, dass der Glaube keine Privatsache ist, sondern mitten in die Gesellschaft hin­einwirken will. Gerade in einer zunehmend säkularer werdenden Gesellschaft, in der Kirchtürme und Kirchen mit ihrer Erinne­rung an den christlichen Glauben das Bewusstsein der Menschen immer weniger prägen und Reli­gion immer mehr zur Privatsache zu werden droht, kann der Kirch­turm als „Finger Gottes“ uns an etwas erinnern: Er kann in aller Hektik, die so viele Menschen erleben und erleiden, hinweisen auf einen Raum der Stille und des Gebets, des Gotteslobs und der Klage, auf einen Raum der Freiheit von Ver­marktung und Verzweckung, in dem alle willkom­men sind ohne Ansehen der Person, weil der Dreiei­nige Gott es ist, der einlädt. Das ist auch heute eine verheißungsvolle Aufgabe (nicht nur, aber auch) des Kirchturms, auf die ich nicht verzichten wollte, zumal der Hahn auf seiner Spitze uns Mut macht, zu unserem Glauben zu stehen.

Und deshalb ist es gut und wichtig, wenn wir in Lustnau unseren Turm mit Ihrer finanziellen Unter­stützung renovieren können.

Manfred Harm

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Jahreslosung 2017

Jahreslosung im Verlag am Birnbach
Motiv von Stefanie Bahlinger, Mössingen

Kirchenjahr

Mit nachstehendem Link können Sie sich sehr anschaulich über den Verlauf des Kirchenjahres informieren.
https://www.kirchenjahr-evangelisch.de/index.php#2016-5-0 
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